RECHTSCHREIBREFORM: BOYKOTT-AUFRUF
Die Deutsche Akademie fr Sprache und Dichtung hat zum Boykott der Rechtschreibreform aufgerufen. In einer am 16. Oktober in Darmstadt verffentlichten Erklrung empfiehlt die Akademie, weiterhin bei der alten Schreibung zu bleiben. Akademie-Prsident Christian Meier kndigte einen Gegenentwurf zu den am 1. August eingefhrten neuen Regeln fr Orthographie und Interpunktion an. Meier beklagte die "Regelungswut" der Kultusminister. Viele Punkte der in zehnjhriger Arbeit gemeinsam mit sterreich und der Schweiz ausgearbeiteten Reform seien nicht stimmig. Dies sprten nicht nur die ffentlichen Verwaltungen, sondern auch Medien und gro§e Verlage, die mit der bernahme der neuen Regeln daher zgerten. Ein Dialog mit denKultusministern sei nicht mglich, sagte Meier, denn die seien "nach wievor vllig vernagelt". In den Schulen wird die Rechtschreibreform bereits seit lngerer Zeit unterrichtet; die Schulbcher bercksichtigen die neuen Regeln. Ein Volksentscheid in Schleswig-Holstein hat am 27. September eine deutliche Mehrheit gegen die Reform ergeben.
DEUTSCHLAND NACHRICHTEN, German Information Center, New York, 871 UN Plaza, New York, NY 10017, Redaktion: Hans Wiessmann , 23. Oktober 1998
Vokabeln
boycott (n.)
boycott (v.)
reform (n.)
reform (v.)
announce
annunciation
academy
speak
language
foreign language
deplore
complain about s.th.
publish
declaration
draft, outline
instruction, class = teaching time
instruct
point (n.)
together with
wooden-headed, small-minded
take into account
school (n.)
already a. b.
clear (a.), plainly recognizable
referendum
orthography reform
majority
minority
possible
punctuation
takeover, adoption (of a rule)
accept, adopt (a rule)
be correct correct (v.)
be reliable
go together, be in harmony (because things are right and reliable)
rule bug
recommend
[den 3. November 1998 (e-mail)]
Sehr geehrter Herr Professor Ludwig,
die Deutsche Akademie hat nicht schriftlich zum Boykott aufgerufen. Herr Professor Dr. Christian Meier, Prsident der Deutschen Akademie, hat auf der Pressekonferenz (die im Rahmen der Herbsttagung der Deutschen Akademiestattfand) gesagt, da§ die Akademie der Rechtschreibreform kritisch gegenber stehe und die Neuschreibung nicht praktiziere. Was die Akademie hinsichtlich der Reform unternehmen wird, darber bert noch eine eigensdafr eingesetzte Rechtschreib-Kommission.
Mit freundlichen Gr§en
Ute Bauermeister
[den 8. November 1998 (e-mail)]
Sehr geehrte Frau Bauermeister,
haben Sie vielen Dank fr Ihren Hinweis. Gerade dieses Wochenende hatte ich die Adresse der Deutschen Akademie heraussuchen und Ihnen schreiben wollen. Im Artikel (unten zitiert), den ich den *Deutschland Nachrichten* entnommen hatte, erstaunten mich die doch ungewhnlich scharfen Worte, die ich zwar begr§te und sogar amsant fand (warum sollte nicht auch der Prsident der Deutschen Akademie fr Sprache und Dichtung einmal so reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!), die aber die prekre Situation der Kultusminister au§er Acht lassen. Als Regierungsleute sind die der "Pacta sunt servanda"-Idee verschrieben, und das mssen sie auch in diesem Falle sein, soweit ich das sehe. (Beraten Sie mich hier bitte.) Dieser ja internationale Vertrag htte aber nie unterschrieben werden sollen! Einfach, weil nicht einmal feststeht, da§ eine Orthographie reform in diesem Ausma§e ntig ist. Und die neuen Regeln schaffen innerhalb unseres Kulturlebens im Ganzen mehr Probleme als sie lsen. Und zu sagen, da§ diese Reform doch lange genug im Gesprch gewesen wre - Mann, wo waren denn die Einladungen zu ffentlichen Diskussionen, Diskussionen in Zeitungen wie der *Zeit* und anderen international vertriebenen deutschen Zeitungen, in Sprachgesellschaften? Als ich mich in Deutschland zum Stand der Diskussion informieren wollte, bekam ich in einer Universittsbuchhandlung lediglich das 5-Mark-Heft vom Duden-Verlag dazu angeboten. Und dann: Kompromi§! Was in der Politik durchaus angebracht ist, ist in dieser Frage eben nicht angebracht! Der politische Kompromi§ wre gewesen, die Sache a. im konstanten Kontakt mit der ffentlichkeit und b. weit vorsichtiger (= mit weit gr§erer Voraussicht) anzupacken.Denn die gesamte Schreibe bisher hat sehr einen gro§en Einflu§ auf das Erlernen des Schreibens; und die steht doch in sichtlich gro§em Unterschied zu der Art, die jetzt erfolgreicher gelehrt werden soll.Von Erleichterung kann da keine Rede sein; eher schon von einer regierungsverordneten "planned obsolescence" fr die Buchindustrie. -Die deutsche Schreibung zu lehren, wird jedenfalls durch diese "Reform" nicht einfacher. (Nicht mal der Ersatz des Eszett nach kurzem Vokal durch Doppel-"s" ist angesichts der "historischen" Schreibung eine Vereinfachung; aber dieser Teil der Reform wre wenigstens in sich logisch, - wobei ich hoffe, da§ alle Sprecher des Deutschen in dieser Hinsicht zwischen kurzem und langem Vokal unterscheiden - und nicht wie bei "Glas" und "Gras" das "a" kurz u n d lang zu hren ist. Aber warum es dann noch zwei "das" geben m§te ["das", "dass"],ist wiederum nicht so klar.) Ist brigens die Pressekonferenz, auf die Sie mich hinweisen, im originalen Wortlaut zugnglich?
Mit freundlichen Gr§en
Ihr Horst Ludwig