Kinder-Orthografie, Könner-Orthographie und die Schweizer "ss"-Schreibung

Horst Ludwig



In dem Diskussionsstrang "Kinder-Orthografie — Könner-Orthographie" des SZ-Forums zur Rechtschreibreform habe ich (unter anderem) folgenden Beitrag abgegeben (#25925 - 17.09.2004 00:35 ):


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[W]eil ich in der *Welt* davon gelesen hatte, daß Eisenberg einen Kompromißvorschlag in dieser Misere gemacht habe, den er selbst nicht für den besten hält (denn er weiß als guter Linguist, daß die Rücknahme der Rechtschreibreform und die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung [1991er Duden] das vernünftigste wäre), habe ich der *Welt* einen Offenen Brief zu Eisenbergs Kompromiß mit meinem Kompromißvorschlag in dieser Misere geschickt, den ich auch nicht für den besten halte (denn auch ich weiß, daß nur eine Rückkehr zu der Rechtschreibung, die wir bis zur Reform hatten, auf lange Sicht zu verantworten ist). Interessanterweise hat [ein Teilnehmer in der SZ-Diskussion hierzu] mir nachträglich den Titel zu meinem Brief geliefert: "Kinder-Orthografie — Könner-Orthographie". Aber ich habe auf Eisenbergs pessimistischer Einschätzung der politischen Situation aufbauend schon [die] Fragen [dieses Teilnehmers] am Ende seines Beitrags kühl beantwortet, indem ich das, was die Reform vermeiden wollte (Klassenkennzeichnung), eben akzeptiere, aber doch soweit wie möglich deren Einfluß abmildere:


Re: Kompromißvorschlag zur Rechtschreibreform


Sehr geehrter Herr Professor Eisenberg,
   der *Welt* (31.8.04) entnehme ich, Sie hielten "eine totale Umkehr [zur vorreformierten Rechtschreibung] für 'politisch unrealistisch und sachlich auch äußerst schwer zu verwirklichen'". Ich stimme da mit Ihnen nicht überein, aber halt nur, weil ich hier puristisch eingestellt bin und gerade die Politik aus dieser Kulturfrage vollständig herausgehalten wissen möchte. Sie selbst halten dem Bericht zufolge eine völlige Rückkehr zum 1991er Duden für vernünftiger als Ihren eigenen Kompromißvorschlag; jedoch "die Ersetzung des ß nach Kurzvokalbuchstaben durch ss sei [wenigstens] sprachlich verantwortbar."


Ich bin auch hier nicht ganz Ihrer Meinung, und zwar, weil Schreiben eben nicht nur eine Sache des Schreibers ist, sondern halt auch auf den Leser ausgerichtet sein muß. Und da ließe diese neue ss-Schreibung nach allen kurzen Vokalen doch viel zu wünschen übrig!


Ich hätte einen anderen Kompromiß zur ss/ß-Schreibung: Da von den Reformern so viel die armen Lernenden bedauert werden — und gemeint sind eigentlich die Wenig-Schreiber (und wohl nicht nur die der letzten Schuljahrgänge)! — plädierte ich in der Grundschulung für die Schweizer Schreibung, d. h., das ß wird im Lernprozeß ganz durch ss ersetzt. (Im schwedischen Deutschunterricht, weiß ich [jedenfalls aus meiner Jugendzeit], ist das ebenfalls der Fall.) Niemand brauchte zur privaten Mitteilung also das ß zu benutzen. In allen Veröffentlichungen jedoch sollte das ß wie bis zur Rechtschreibreform verwendet werden (wie das Schweizer Verlage bei ihren Veröffentlichungen für den internationalen Markt früher ja auch taten), so daß hier die Kontinuität fürs Lesen erhalten bleibt. Denen, die viel schreiben oder einmal viel schreiben wollen, oder Kindern, die aus Spaß an der Freud das ß "wie gedruckt" schreiben wollen, sollte die Möglichkeit geboten werden, dessen Gebrauch zu erlernen, welcher übrigens dann sehr einfach ist:
>>>Immer ß,
>>>es sei denn, der stimmlose /s/-Laut ist
>>>a. intervokalisch
>>>u n d
>>>b. der vorausgehende Vokal ist kurz. (Zwei Bedingungen müssen also zur Ersetzung des ß durch ss erfüllt sein.)
>>>(Komposita werden natürlich ihren Bestandteilen entsprechend geschrieben [Schlußansprache], und das nicht-neutrale "daß" schreibt man mit ß.)*


Mit dieser Regelung würde sowohl denen Genüge getan, die viel lesen und bei denen die Interferenz durch das in der Vergangenheit und in der Gegenwart veröffentlichte Material am meisten schaden würde, als auch denen, die nicht viel lesen und schreiben.

Zusätzlich zu vielem "Sachlichen" in dieser Frage haben die Reformer (die Zwischenstaatliche Rechtschreibkommission und die Kultusministerkonferenz) die Macht der "historischen Schreibung" völlig übersehen. (Lediglich Zehetmair scheint da was geahnt zu haben!) Historische Schreibung ist, das wissen Sie ja als Linguist, die Schreibung, die einem früheren Lautstand entspricht, der aber nicht mehr gegeben ist (weil die Aussprache sich geändert hat), die aber beibehalten wird, weil man sich die Schreibung des Wortes "wie gehabt" eben angewöhnt hat. Und mit so etwas leben die, deren Muttersprache Englisch oder Französisch ist, sehr gut. Sie ist die vernünftigste Schreibung, die wir unter den gegebenen Umständen haben; — und zu diesen gegebenen Umständen gehören die Bestände der Bibliotheken ebenso wie die Schreibgewohnheit der lieben Großmutter, die nicht irgendeiner Schnapsidee wegen als "ewig gestrige" angesehen werden möchte.


Daß mit meinem Vorschlag in den Schulen zu ss und ß zwei Systeme nebeneinander bestünden — wenn sie auch nacheinander gelehrt würden (!) —, stört mich in dieser Misere nicht weiter: Ich habe die nämlich nicht geschaffen oder auch nur irgendwie gewollt. Aber mein Vorschlag wäre ein politischer Kompromiß: Die weitere Auseinandersetzung würde "nicht auf dem Rücken der Schüler" ausgetragen werden, sondern sie bekämen jede nötige Hilfe. Bei allen anderen Fragen, die diese Rechtschreibreform aufgeworfen hat, kann man "die Entwicklung abwarten". Der alte Duden war in dieser Hinsicht jedenfalls ein guter Ratgeber.


Noch etwas. Da Sie früher Mitglied der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission waren**: Wie v e r s t a n d e n Sie und Ihre Kollegen da Ihren Auftrag damals? Die Vormachtstellung des *Dudens* zu brechen? Die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen? Was war es letztlich, was die Leute zusammenbrachte, die dann die unmögliche Rechtschreibreform in Gang brachten? Hätte man damals nicht auch schon dem Auftraggeber den Bescheid geben können, daß zu einer Reform in dieser Sache eigentlich kein Anlaß bestehe?
    Mit besten Wünschen
    Ihr Horst Ludwig


Und jetzt lese ich gerade, daß *Bild* fordert: "STOPPT DIE SCHLECHTSCHREIBREFORM". Ich hoffe, *Bild* meint, diese g a n z e Reform. Der Rheinische Merkur schrieb mir gerade, daß sich jetzt die aufmuckenden Verlage und Zeitungen wohl "einigen sinnvollen Regeln [der Reformschreibung] (etwa der ss-Schreibung) nicht widersetzen werden"... Witzig wär's schon, daß, wo die offenbar nur parteipolitisch versierten KultusministerInnen über die Schulen ihren den unschuldigen Kindern verordneten Unsinn der gesamten deutschsprechenden Öffentlichkeit nach und nach beibringen wollten, die nicht gerade als Kulturinstitution bekannte *Bild*-Zeitung entscheidend mithilft, ein Kulturgut zu retten. Wieviel kostet die 10-Pfennig-Bildzeitung (an deren Babs-Zeichnungen ich mich immer noch gern erinnere) jetzt in Euros? Ich will einen von diesen Aufklebern!
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*Hier ist zu beachten, daß diese Erklärung sich nur auf das Problem "'ß' oder 'ss'" bezieht! Die Schreibung von [s] mit einem "s" (las, des Mannes) folgt anderem System.
**Eisenberg ist unter Protest aus dieser Kommission ausgetreten.


Ein anderer Diskussionsbeiträger hat aber "zur Schweizer Lösung" folgendes zu sagen (#26272 - 22.09.2004 18:42):


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In Antwort an Herrn Ludwig und seinem Vorschlag, die schweizerische Regelung für das "ß" anzuwenden.


Was mir passierte: eine gebührenpflichtige Verwarnung heißt auf schwyzer-dütsch "Buss"-Geld, was nach unserer alten und auch neuen Schreibweise nach wie vor unserem "Buß"-Geld entspricht. Das Geld für den Omnibus ist das "Bus"-Geld (Ticket) und jetzt gibt es in der Schweiz den unlogischen Salat, daß das Bußgeld - langes "u" - mit zwei "ss" und der Omnibus - kurzes "u" - mit einem "s" geschrieben wird. Was sagte ein älterer Schweizer zu mir: "Das ist zwar unlogisch, aber wir haben uns an das gewöhnt".


Ein junger Schweizer, der in der Schule das "ß" nicht mehr gelernt hat sondern nur statt dessen das "ss", meinte hierzu, daß das mit der Gewöhnung so nicht stimmt: "Buss-Geld" mit ss aber langem "u" versteht nur, wer weiß, daß das früher mal mit "ß" geschrieben wurde. Der junge Schweizer dagegen muß verweifeln: er weiß bei den lang gesprochenen Vokalen vor einem s/ss nie, wie es nach Schweizer-Rechtschreibung richtig bzw. falsch geschrieben wird. Wann schreibt man Busgeld, wann Bussgeld und nach welchen Regeln?


Auf das "ß" ganz zu verzichten, haben unsere Reformer Gott sei Dank unterlassen.


Und wenn das "ß" unverzichtbar ist, warum nicht alles beim alten lassen?
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